REFA-Zeitstudie: Was wird tatsächlich gemessen?
Eine REFA-Zeitstudie liefert die Datenbasis für Kalkulation, Personalbedarf und Kapazitätsplanung. Doch sie übernimmt nicht einfach die Zeit, die eine Stoppuhr anzeigt. Gemessen wird ein strukturierter Arbeitsablauf unter definierten Bedingungen – und aus diesem Ist-Zustand wird eine nachvollziehbare, belastbare Zeitbasis abgeleitet.
Dieser Beitrag richtet sich an Arbeitsvorbereitung, Industrial Engineering, Kalkulation, Produktionsleitung und Betriebsrat. Er erklärt sachlich, welche Größen eine Zeitstudie erfasst, wie aus der Ist-Zeit eine Vorgabezeit entsteht und wo die Grenzen der Methode liegen.
Gemessen wird ein gegliederter Ablauf – nicht eine einzelne Stoppuhrzeit
Eine REFA-Zeitstudie erfasst die tatsächlich benötigten Ist-Zeiten für klar abgegrenzte Ablaufabschnitte eines Arbeitsvorgangs – gemeinsam mit der zugehörigen Bezugsmenge, den Arbeitsbedingungen und dem beobachteten Leistungsgrad. Aus diesen Rohdaten wird über die Normalzeit eine Vorgabezeit errechnet, die als Basis für Kalkulation und Planung dient.
Gemessen wird also nicht, wie schnell jemand ist, sondern wie viel Zeit ein definierter Arbeitsablauf unter bestimmten Bedingungen für eine bestimmte Menge benötigt. Die methodischen Grundlagen dazu bündelt unsere Leistungsseite zu REFA-Zeitstudien.
Was während der Aufnahme konkret erfasst wird
Vor der Messung wird der Arbeitsvorgang in nachvollziehbare Bausteine zerlegt. Erfasst wird anschließend nicht nur die Dauer, sondern der gesamte Kontext, der diese Dauer erklärt:
Der Vorgang wird vor der Messung in logische, wiederkehrende Arbeitsschritte zerlegt.
Jeder Abschnitt erhält klar definierte Anfangs- und Endpunkte (Messpunkte) für eine eindeutige Zeitnahme.
Die real beobachteten Zeiten je Ablaufabschnitt werden über mehrere Zyklen aufgenommen.
Die Menge, auf die sich die Zeit bezieht – zum Beispiel Stück, Charge oder Palette.
Arbeitsplatz, Hilfsmittel, Material und Umgebungseinflüsse, unter denen gemessen wurde.
Sachliche und persönliche Unterbrechungen werden getrennt erfasst und sauber zugeordnet.
Varianten, Losgröße oder Werkzeug, die die Zeit systematisch verändern.
Von der Ist-Zeit zur nutzbaren Vorgabezeit
Die gemessene Ist-Zeit ist der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis. Sie beschreibt, wie lange ein Ablaufabschnitt bei der beobachteten Person unter den vorgefundenen Bedingungen tatsächlich gedauert hat.
Über den Leistungsgrad wird die Ist-Zeit auf eine Normalzeit bezogen. Der Leistungsgrad ist eine fachliche Einschätzung des Verhältnisses von beobachteter Leistung zu einer definierten Bezugsleistung. Er dient der Vergleichbarkeit der Werte, nicht der Bewertung oder Überwachung einzelner Personen.
Aus der Normalzeit entsteht durch Zuschläge für sachliche und persönliche Verteilzeiten sowie Erholung die Vorgabezeit. Sie ist die belastbare Zeit für Kalkulation und Auftragsplanung. Planzeiten fassen abgesicherte Vorgabezeiten für wiederkehrende Abläufe zusammen und lassen sich ohne erneute Aufnahme wiederverwenden.
- Ist-Zeit
Real beobachtete Zeit unter den vorgefundenen Bedingungen.
- Normalzeit
Ist-Zeit, über den Leistungsgrad auf eine Bezugsleistung normiert.
- Vorgabezeit
Normalzeit zuzüglich Verteil- und Erholungszuschläge – die Basis für Kalkulation.
- Planzeit
Abgesicherte Vorgabezeit für wiederkehrende Abläufe, wiederverwendbar.
Was vor und während der Aufnahme geklärt wird
Die Qualität der Zeitwerte entscheidet sich vor der ersten Zeitnahme. Ohne saubere Vorbereitung misst man Zufälle statt Abläufe. Deshalb werden folgende Punkte im Vorfeld und begleitend geklärt:
Die aktuell gültige, definierte Methode wird festgelegt und dokumentiert – gemessen wird der Soll-Ablauf, nicht eine Improvisation.
Eingespielter Ablauf, gültiges Material und üblicher Betriebszustand statt Ausnahmesituationen. Aufgenommen wird über mehrere Zyklen, damit einmalige Störungen oder ein besonders günstiger Lauf die Werte nicht verzerren.
Relevante Varianten und ihre Auswirkung auf den Ablauf werden abgegrenzt.
Mengenunabhängige Rüstanteile werden klar von mengenabhängigen Stückzeitanteilen getrennt.
Mitarbeitende, Meister und Arbeitsvorbereitung werden frühzeitig einbezogen.
Messpunkte, Bedingungen und Annahmen werden lückenlos festgehalten. Erst diese Dokumentation macht die Vorgabezeit später prüfbar, wiederholbar und für Dritte nachvollziehbar – ohne sie bleibt jeder Zeitwert eine nicht belastbare Momentaufnahme.
Frühzeitige Einbindung, Transparenz über Zweck und Zweckbindung der erhobenen Daten.
Was eine Zeitstudie nicht misst – und nicht garantiert
Eine Zeitstudie beschreibt einen konkreten Ablauf unter definierten Bedingungen. Sie bewertet nicht die generelle Leistungsfähigkeit einzelner Personen und liefert keine automatische Garantie für Produktivitätssteigerungen. Solche Effekte entstehen erst aus den abgeleiteten Maßnahmen und deren konsequenter Umsetzung.
Ebenso hat eine einzelne Zeitaufnahme für sich genommen begrenzte Aussagekraft: Sie zeigt einen Ausschnitt unter den Bedingungen genau dieses Zyklus. Erst mehrere Aufnahmen, eine repräsentative Durchführung und die dokumentierten Annahmen machen die Werte belastbar und übertragbar. Einzelwerte ohne diesen Kontext eignen sich weder für eine verlässliche Kalkulation noch für den Vergleich von Arbeitsplätzen oder Schichten. Eine Zeitstudie liefert damit eine präzise, aber bewusst abgegrenzte Aussage – gültig für den untersuchten Ablauf unter den festgehaltenen Bedingungen.
Ebenso wenig bildet eine Zeitstudie ohne Weiteres den durchschnittlichen Auslastungsgrad über einen ganzen Arbeitstag ab. Sie fokussiert einen abgegrenzten Vorgang, nicht die Summe aller Tätigkeiten und Verlustzeiten über Schichten hinweg.
Geht es um die Verteilung von Zeitanteilen vieler Tätigkeiten oder mehrerer Arbeitsplätze über längere Zeiträume, ist die Multimomentstudie das geeignetere Verfahren. Sie erfasst per stichprobenartiger Beobachtung die Häufigkeit von Tätigkeits- und Verlustzeitarten, statt einzelne Abläufe präzise zu takten. Beide Verfahren ergänzen sich: Die Zeitstudie liefert präzise Vorgabezeiten, die Multimomentstudie ein belastbares Bild der Zeitverteilung.
Ein verallgemeinertes Praxisbeispiel
Ein Fertigungsbetrieb stellte fest, dass die kalkulierten Vorgabezeiten für eine Baugruppe nicht mehr zur Realität passten: Angebote wirkten mal zu teuer, mal zu knapp. Der Verdacht lag auf veralteten Zeitwerten nach mehreren Prozess- und Werkzeugänderungen.
Vor der Aufnahme wurde die aktuell gültige Arbeitsmethode festgelegt, relevante Produktvarianten abgegrenzt und Rüst- von Stückzeit getrennt. Der Betriebsrat war eingebunden, Zweck und Datenschutz waren geklärt. Die Zeitnahme erfolgte über mehrere Zyklen unter üblichem Betriebszustand.
Das Ergebnis war keine ‚schnellere‘ Zeit, sondern eine nachvollziehbar hergeleitete Zeitbasis: klar getrennte Rüst- und Stückzeitanteile, dokumentierte Bedingungen und Annahmen. Kalkulation, Arbeitsvorbereitung und Produktionsleitung konnten anschließend auf gemeinsam getragene Werte zurückgreifen.
Konkrete Kennzahlen sind hier bewusst nicht genannt. Sie fallen von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich aus und lassen sich nur am realen Ablauf seriös ermitteln.
Belastbare Zeiten statt Bauchgefühl
Eine REFA-Zeitstudie misst einen strukturierten Arbeitsablauf, seine Ist-Zeiten, die Bezugsmenge und die Bedingungen – und leitet daraus eine transparente Vorgabezeit ab. Sie ersetzt geschätzte Werte durch eine nachvollziehbare Grundlage für Kalkulation, Personalbedarf und Planung.
Wenn Sie prüfen möchten, ob Ihre Vorgabezeiten noch zur heutigen Fertigung passen, sprechen wir unverbindlich darüber.